Rezension: Andreas Reckwitz, Verlust. Ein Grundproblem der Moderne (Suhrkamp 2024)

Irgendwas mit Moderne ist unter Soziologen ja schon lange in Mode. Was nichts daran ändert, dass Andreas Reckwitz mit „Verlust“ eine Schrift vorgelegt hat, die rund um die Drehscheibe Verlust den Wahnsinn unserer Tage zumindest ein wenig verständlicher macht.

Klimawandel, Pandemie, Krieg, Trump und sonstige politische Rückschritte, Verlierer des liberalen Postindustrialismus, Alterung. Wir haben aufgrund der Gegenwart die Zukunft verloren, genauer genommen die Hoffnung darauf, dass „es“ besser wird. Fortschrittsglaube war gestern, heute stehen die Zeichen auf gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, materiellen und letztlich psychischen Abstieg. Das bringt Verlust-Unternehmer hervor, die so vielen von uns das Gefühl geben, eine Zeit zurückzubringen, die es nie gab.

Reckwitz fängt die vielen Dimensionen von Verlust und -erfahrungen ein. In bester deutscher Soziologen-Manier ein. Von einer „Retropie“, also der Sehnsucht nach einer idealen Vergangenheit, ist ebenso die Rede wie von „Parteigängern des Fortschritts. Verlust von Stabilität, religiöser, politisher oder kultureller Gemeinschaften und ganzen Staaten, die buchstäblich untergehen (aufgrund des ansteigenden Meeresspiegels) und – als letztes großes Thema – den Tod. Erlebnisse, mit denen Menschen immer öfter individualisiert umgehen müssen: „doing loss“, also umfassendes Arbeiten mit Verlust; „Verlustparadoxie“, wir verlieren mehr und gewinnen (gefühl weniger); „Verlustinvisibilierung“, weil die Moderne trotz oder gerade wegen der „Verlusteskalation“ „verlustfeindlich“ und zugleich „verlustverliebt“ ist. Wie gesagt, es mangelt Reckwitz‘ Buch nicht an Begriffen, die mit wenigen Buchstaben viel aussagen.

In Summe bekommt man eine tiefgreifende Analyse der unterschiedlichen Verlustdimensionen, mit der man die Moderne (da ist es wieder, das M-Wort) begreifen kann. Eine Moderne, die man Reckwitz seinem Schlusskapitel zufolge vielleicht reparieren kann. Weg von Fortschritt hin zu Bewahrung, weg von Neuem hin zu dem, was neu war und bewahrt werden sollte. Eine Moderne, die gerade im „alten“ Westen anders verläuft als in Regionen und Ländern, die jenen Aufstieg erleben, den wir mittlerweile nur noch aus Geschichtsbüchern kennen. Dementsprechent sieht er die Möglichkeit, ja die Pflicht zu einer „Reparatur“, in der

die ‚Progressiven‘ in vieler Hinsicht zwangsläufig zu ‚Konservativen‘ mutieren, indem der Schutz des erreichten Fortschritts gegen Verluste zu einer zentralen Aufgabe wird. Das ist kein klassischer Konservatismus mehr, dem es um die Bewahrung des Vormodernen ging, denn nun geht es darum, die Errungenschaften der Moderne selbst zu bewahren. … die Moderne zu reparieren beeutet, sie zu verbessern. Damit besteht die Chance, der Fortschritsidee einen modifizierten Sinn zu verliehen. Indem die moderne Gesellschaft sich der Ungewissheit der historischen Entwicklung, dem Erfordernis ihr progressives Erbe zu bewahren und weiterzuentwickeln, der Verletzlichkeit von Subjekt, sozialer Welt und Erde, der Notwendigkeit von Resilienzmaßnahmen, der Verlustintegration und der Anerkennung erfahrener Verluste bewusst wird, würde sie reifen, ja im besten allwachsen … die Moderne war von Anfang an von einem mitreißenden Ideal der Jugendlichkeit geprägt, das sich aus ihrer Orientierung am Neubeginn und an der Zukunft speiste. Nach 250 Jahren wird es Zeit, dass sie erwachsen wirdun lernt, klugt mit Verlusten umzugehen“. (Seiten 421 und 423f).

Andreas Reckwitz, Verlust. Ein Grundproblem der Moderne (Suhrkamp 2024)

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