Das Pirinçci-Prinzip

Seit seinem KZ-Sager ist Akif Pirinçci um einen – seinen bislang größten – Skandal reicher. Angesichts seiner mittlerweile weithin bekannten Attitüde war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis er endgültig übers Ziel hinausschießt beziehungsweise eine Gelegenheit für seine Demontage bietet.
Akif Pirinçci ist eine Nebenwirkung der political correctness. In einer Welt, in der man seine Worte sehr vorsichtig wählen muss, fährt er mit der Sensibilität eines sowjetischen Panzers durch den Diskurs-Porzellanladen. Pirinçci vermittelt vielen das Gefühl, dass sich endlich mal einer traut, Wahrheiten anzusprechen und sich kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Der kalkulierte Tabubruch in Bezug auf hochsensible Themen, bei denen ein tiefer Graben zwischen Teilen der öffentlichen und der veröffentlichten Meinung besteht – man könnte es das Pirinçci-Prinzip nennen.
Gestützt auf seinen türkischen Migrationshintergrund, so die Wahrnehmung, „durfte“ er sich in dieser immer noch heiklen Debatte mehr herausnehmen. So wie türkische Comedians sich über Deutschtürken und deren Duktus lustig machen oder indische über Inder und deren Akzent und so weiter. Wo Sarrazin mit Zahlen gekommen ist, kam Pirinçci mit subjektiven Eindrücken verpackt in Brachialsuaden.
Die Deutschtürken sind freilich nur ein Aspekt, die zweite Stütze seines Erfolgs waren und sind (?) seine Verbalattacken gegen Politiker (die Grünen vor laufender Kamera aufgrund der Pädophilie-Debatte als „Kindersexpartei“ zu bezeichnen dürfte gut angekommen sein), die LGBT-Community, die etablierten Mainstream-Medien, den Islam oder Migration. Kurzum: Allesamt Themen, bei denen viele das Gefühl haben, dass dass die öffentliche Debatte eingeschränkt und verzerrt ist. Man gewisse Meinungen und Ansichten nicht zulässt beziehungsweise unterdrückt. Bestimmte Vorkommnisse heruntergespielt oder gar nicht erst berichtet werden. Stichwort „Lügenpresse“. Das ist das Klima, in dem Parteien, wie die FPÖ und die AfD (aber auch PEGIDA), sowie neben Pirinçci eine Reihe weiterer Autoren und deren Verlage, sowie als unseriös angesehene Nachrichtenportale wachsen und gedeihen. Dazu eine entsprechende Facebook-Parallelwelt, in der Sätze und Wortformeln wie „das hat nichts mit dem Islam zu tun“ oder „bedauerlicher Einzelfall“ als schwache Beschwichtigungsversuche und blanker Hohn für jeden gelten, der sich genauer informiert. Hier haben Worte wie „rechtsextrem“, „Nazi“ oder „Rassist“ aufgrund ihrer häufigen Verwendung viel von ihrer Bedeutung verloren. Dass der deutsche Justizminister Heiko Maas seit Wochen aktiv für eine Verschärfung des Vorgehens gegen Rechtsextremismus in sozialen Netzwerken eintritt, sehen viele nur als weiteren Schritt in Richtung Totalitarismus.
Pirinçci hatte jedoch von Anfang ein Problem. Das gezielte Schockieren mit Aussagen, die sonst kaum wer im öffentlichen Raum tätigt, nützt sich irgendwann ab. Irgendwann setzt die Gewöhnung ein. Wie man aus der Popkultur weiß, gibt es dann zwei Möglichkeiten: „Neu-Erfinden“ und damit eventuell viele angestammte Fans vergraulen oder mit den bewährten Mitteln weiter eskalieren bis man irgendwann die Grenzen überschreitet oder sich zumindest verschätzt; denn was er genau gesagt und gemeint hat, ist angesichts dessen, wie leicht man sich in Deutschland mit dem Nationalsozialismus die Finger verbrennen kann, übrigens allenfalls zweitrangig. Pirinçci hat den zweiten Weg gewählt, der zwar einfacher begehbar, aber dafür eben auch kürzer ist.Ob er bereits jetzt weg vom Fenster ist oder aufgrund der kollektiven Verurteilung noch einmal ein Revival als quasi-Märtyrer erleben darf, wird sich erst weisen.

Unabhängige Medien, they said

Unabhängiger staatlicher Rundfunk, Gebühren für die Objektivität, die Private nicht bieten können. So lautet die klassische Rechtfertigung fürs de facto-pay-tv ORF. Dass dem nicht so ist, kann man im seinerseits freilich alles andere als unabhängigen „Österreich“ lesen, wo ganz unverblümt darüber geschrieben wird, dass der österreichische Bundeskanzler Werner Faymann Gerhard Zeiler den Posten als ORF-General „anbieten“ könnte. Was er ja wirklich kann. Immer wieder spannend zu sehen, was hierzulande als völlig normal gilt.

Politainment, diesmal in grün. Oder: Von Maria Vassilakou zu Henry Kissinger

Die Wiener Grünen plakatieren derzeit ein äußerst großes Plakat an prominenter Stelle neben Wiener Naschmarkt und APA. Darauf abgeildet die Wiener Vizebürgermeisterin, an die Wand geklebt und mehr oder minder bewegungsunfähig, verbunden mit einigen Zitaten: „Ich soll den Häupl Michi nicht immer so ärgern“, „Ich soll die Pappn halten, wenn der Michi spricht“ und „Ich soll dem Häupl Michi nicht immer die Mahü unter die Nase reiben“.
Jetzt könnte man dazu allerhand sagen beziehungsweise wurde dazu auch schon viel gesagt (man lese nur die Kommentare auf der Facebook-Präsenz der Wiener Grünen, Popcorn bereithalten). Unweigerlich muss man unter anderem auch an den Begriff des Politainment, also die Verknüpfung von Politik mit Entertainment, denken. Um nichts anderes handelt es sich bei personenbezogener Politik dieser Art freilich, eine Entwicklung, die insbesondere in den USA mit der Verbreitung des Fernsehers eingesetzt (so gab es beispielsweise seit Dwight Eisenhower keinen US-Präsidenten mit haarausfallbedingter Glatze) und durch das Internet und social media eine neue Dimension erreicht hat. So werden Politiker auch in den hiesigen Medien immer weniger anhand inhaltlicher Fragen beurteilt als in Bezug auf ihre Persönlichkeit. Was zählt, sind entfernt mit Politik zusammenhängende Handlungen, rhetorische Kniffe, allgemeines Auftreten bis hin zur Kleidung. Und natürlich die Reaktionen und Streitereien mit anderen Parteien. Passend dazu auch die Schlagzeile im aktuellen Heute, die daraus sogleich ein kleines Polit-Drama macht.

So, was hat das alles nun mit Henry Kissinger zu tun? Nicht viel. Außer, dass er sich in seinem letzten Buch (World Order) zum Ursprung von Politainment äußert, den in einen größeren weltpolitischen Kontext stellt: So sind Politiker in einer immer komplexer werdenden Welt mit den von ihnen abgesegneten Regulierungsmaßnahmen überfordert. Das Abstellen auf Charisma anstelle von inhaltlicher Ausrichtung ist somit eine Möglichkeit, davon abzulenken, indem man die Schwerpunkte politischer Arbeit anders setzt:

„A combination of chronic insecurity and insistent self-assertion threatens both leaders and the public in the Internet age. Leaders, because they are less and less the originators of their programs, seek to dominate by willpower or charisma. The general public’s access to the intantibles of the public debate is ever more constrained. Major pieces of legislation in the United States, Europa, and elsewhere often contain thousands of pages of text whose precise meaning is elusive even to those legislators who voted for them.“

Wo diese Entwicklung endet, bleibt freilich offen. Ein Schreckensszenario bietet der Film „Idiocracy“; bleibt die Hoffnung, dass politische „Duelle“ in Zukunft nicht in Form von körperlichen Schaukämpfen im Stile von „American Gladiators“ stattfinden.