Arbeiter der Nacht

Es ist 1h53. Morgen keine Arbeit. Bald Weihnachten. Social Media schweigt. Anlass genug, die Nacht vor dem Morgen zu loben.

Es gibt Menschen, die mich für produktiv halten. Oder zumindest für jemanden, der viel tut. „Wann liest du das alles“, „wann findest du Zeit für dieses und jenes“ bekomme ich dann und wann zu hören.

Ich bin jetzt gewiss nicht überproduktiv, also nicht, wenn man davon ausgeht, dass „die Leistung…weder Anfang noch Ende [hat]“ und „es keine Periode der Leistung“ gibt, weil sie als „neoliberaler Imperativ“ die Arbeit „perpetuiert“, um es mit Byung Chul-Han und seinem aktuellen Buch „Vom Verschwinden der Rituale“ zu sagen. Der irgendwo eine Art Vorbild ist.– lose Gedanken niederschreiben und damit auch noch Geld verdienen klingt jedenfalls nach einem netten Dasein.

Analoge Rastlosigkeit

Und doch, irgendwo hat er Recht, der Byung Chul-Han. Ich raste nicht. Und ich kenne viele Menschen, die nicht rasten. Aber Rastlosigkeit transformiert sich nicht in Produktivität. Eher im Gegenteil. Wer in regelmäßigen und kurzen Abständen auf sein Smartphone starrt und bei der am Ende des Tages präsentierten Endabrechnung der Bildschirmzeit darüber erschrickt, wie er sein Leben an einen Bildschirm verschwendet, braucht für alles länger.

Digitale Pandemie

Ich bin gewiss Smartphone- und, damit einhergehend, Social Media-süchtig. Wie sehr, bestimmt der Vergleich mit den anderen. Ich kenne schlimmere Fälle, aber auch weniger schlimme. Jedenfalls bin ich alles andere als allein, weswegen ich mich auch so offen darüber schreiben traue: Die simple Erkenntnis, der Anblick der unzähligen Stories und Tweets in meinem Umfeld zeigt dann doch, dass es sich um eine regelrechte Pandemie handelt (jedenfalls in meiner sozialen und demographischen – durchaus permissiv auszulegen – Blase).

Hier kommt die Nacht ins Spiel. Die Nacht als Refugium, das ich sonst nur habe, wenn ich in der Sauna oder im Dampfbad bin. Dort hat das Smartphone alleine aus technologischen Gründen nunmal nichts verloren. So sind diese verhältnismäßig kurzen analogen Auszeiten angesichts der Mitgliedschaft in einem entsprechend ausgestatteten Fitness Center – vermutlich der größte, vielleicht der einzige wirkliche (gefühlte) Luxus in meinem Leben – zwar nicht so selten, aber doch kein fixer, also in Nettozeit gerechnet ausreichend vertretener Bestandteil meines Alltags.

Kaum Ablenkung, fast nirgends

Bleibt die Nacht. So wie jetzt gerade. Mittlerweile ist es zwei Uhr acht. 0208h. Dieser angeblich so gesunde Vormitternachtsschlaf ist für mich eher ein Mythos, den ich mit meiner Volksschulzeit assoziiere.

Nur: Das lange Aufbleiben hat heute vielleicht mehr Berechtigung denn je. Ich habe unlängst einen Artikel-Teaser in der New York Times gelesen (ich finde den Artikel nicht mehr), der mich in meiner dahingehenden Mutmaßung bestätigt. Und wenn es dort steht, darf man sich dem Chor vielleicht doch anschließen: Nachtaktive Menschen sind Digitalisierungsprofiteure. Weil im Alltag an jeder digitalen Ecke eine Ablenkung lauert wie Straßengangs im New York der 1970er und 1980er: Eine Benachrichtigung hier, ein neuer Mention da, eine neue Story dort. Garniert mit dem Geräusch neuer E-Mails oder gar Anrufen (die wir nicht hören, weil unsere Telephone permanent im Silent Mode sind, weswegen wir erst recht dauernd drauf schauen müssen). Gut, die Schlagzeilen, wonach sich unsere Aufmerksamkeitsspanne stetig verkürzt und mittlerweile unter jener eines Goldfisches liegt, sind – wie immer bei solcherart formulierten Überschriften und Einleitungen – mit Vorsicht zu genießen. Aber das Betonen omnipräsenter Ablenkung ist dann doch ein Gemeinplatz. Dazu ist mir die Zeit vor der Verbreitung von Handys und wiederum vor Smartphones dann doch zu gut in Erinnerung.

Keine Nacht-Eile

Das hier soll jetzt aber nicht die x-te Abhandlung zu den Transformationsprozessen der letzten Jahre oder der (guten) alten Zeit werden. Eigentlich nur ein kleines offenes Plädoyer für die Nacht. Und dafür, unseren Umgang mit den Tagen zu überdenken. Alles relativ, Morgenmenschen und Nachtmenschen. Erstere gelten zwar als gewissenhafter und auch zufriedener. Andererseits haben sie im Zeitalter der permanenten Benachrichtigung/Notification – auch entschiedene digitalbedingte Nachteile. Wenn viele Menschen wach sind, können eben auch viele Menschen ablenken. Da lobe ich mir die Nacht ohne Eile (es ist jetzt übrigens zwei Uhr fünfunddreißig – Zeit, weiterzulesen).

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