Impfneid, Impfgerechtigkeit, Impfplan: Theorie und Praxis

Impfungen sind derzeit ein knappes Gut. Das bringt die dunklen Seiten im Menschen mehr ans Licht als sonst. Jeder hat „Connections“, jeder das Gefühl, eine Impfung dringender zu benötigen als andere. Zeit für eine Einordnung.

Seit einem Jahr das bestimmende Thema. Sie wissen schon, welches. Von Anfang an hieß es „durchbeißen, bis wir eine Impfung haben“, die Schwächeren, die Risikogruppen schützen, eine Überlastung des Gesundheitssystems verhindern, Masken tragen, Abstand halten, Kontakte in geschlossenen Räumen reduzieren, etc.

Jetzt haben wir eine Impfung. Mehrere unterschiedliche sogar, bald vier. Und dennoch ist nicht genug für alle da. Es kann nunmal nicht jeder auf einmal denselben („besten“) Impfstoff bekommen.

Also reden wir über die Verteilung von knappen Gütern, erstellt einen Plan, um alle dabei relevanten Erwägungen einfließen zu lassen und auch entsprechend umzusetzen. Bei dem junge gesunde Menschen es akzeptieren, später dranzukommen, weil andere dringender geimpft werden müssen: Die Alten, Menschen mit gefahrenerhöhenden Vorerkrankungen, Gesundheitspersonal, sonstige Menschen, die viel Kontakt zu anderen haben müssen (von Kindergartenpädagoginnen bis hin zum Gesundheitspersonal). Das Nationale Impfgremium hat dementsprechend Prioritäten festgelegt (hier), die bestimmen, welche Personengruppen wann geimpft werden sollten. Ganz allgemein ist klar belegt, dass die Todeszahlen am ehesten verringert werden, wenn ältere und andere gefährdete Menschen zuerst geimpft werden.

So weit, so logisch, so weit so gut, so weit die Theorie. In der Praxis sieht es unvermeidlich (?) anders aus: Einige Bundesländer sind schneller und effizienter, andere langsamer. Für manche Bürgermeister bleibt „zufällig“ (we’ll never know) eine Impfdosis übrig. Auf Social Media-Kanälen brodelt die Gerüchteküche. Ärzte sollen reihenweise ihre Kinder als geringfügig Beschäftigte in ihrer Praxis angestellt haben, damit sie schnell und mit dem „besten“ Impfstoff (Biontech, alle wollen Biontech) geimpft werden. In Niederösterreich wurde die Ärztekammer eingeschaltet, weil Ärzte Familie und Freunde geimpft hatten. Von „fragwürdigen Reihungen im CoV-Impfsystem“ in Wien schreibt orf.at. Kontrolliert wird auch kaum bis gar nicht, dazu hat die Zeit im Bild 2 ausführlich berichtet. In Wien wurden Uni-Angestellte bereits geimpft, obwohl sie eigentlich in Prioritäts-Stufe 6 (die vorletzte) fallen beziehungsweise erst in der dritten Impfphase geimpft werden sollen.

Letzteres Beispiel ist nur allzu exemplarisch. Weniger wegen „Impfneids“ (was auch immer man damit genau meinen mag) als simplen Gerechtigkeitserwägungen, siehe oben. Wie es dazu kam? Nun, die Wiener Unis haben zur Anmeldung aufgerufen (auch Menschen mit semesterweisen Lehraufträgen). Anscheinend gab es ein Kommunikationsproblem mit der Stadt Wien, die irrigerweise angenommen hatte, dass Universitäts-Mitarbeiter zum allgemeinen Bildungspersonal (Prioritätsgruppe 3) gezählt wurden und die sich dementsprechend anmelden konnten: Nur waren damit eigentlich Personen in Kindergärten und Schulen gemeint, die täglich in vollen Gruppenräumen bzw. Klassenzimmern stehen, die bekanntermaßen Infektionsherde sind. Unis betreiben hingegen großteils Fernunterricht, was nicht ideal, aber gewiss weniger fatal als an den Schulen ist.

Mit einem drohenden Fiasko (Unis gehören zu den größten Arbeitgebern der Stadt Wien) konfrontiert, hat die Stadt Wien dann auf fast schon magische Weise zusätzliche Impfungen „aus dem Hut gezaubert“.

(Mario Dujaković, Sprecher von Gesundheitssprecher Peter Hacker, schildert den Hergang im Thread weiter oben. Allen Fehlern zum Trotz möchte ich darauf hinweisen, dass er einen guten Job macht und sich viel Mühe gibt, auch bzw. vor allem auf Twitter.)

Jetzt kann man sich fragen, ob und wie viele Menschen dadurch später drankommen als sie drankommen könnten. Laut Stadt Wien muss niemand warten. Allein, mir fehlt der Glaube und wenn, erscheint es mir absurd. Rein logisch gedacht geht sich das nicht aus: Es ist ja nicht so, als ob es für Universitätsmitarbeiter einen eigenen Impfstoff und eigenes Impfpersonal gäbe. Wenn also Person A einen Termin bekommt, kann Person B (die ihn dringender bräuchte) ihn nicht bekommen.

Die Stadt Wien selbst sagte im Zusammenhang mit nicht-wahrgenommen Impfterminen selbst, dass „kein Impfstoff verloren“ gegangen sei. Vielmehr wurde er „an Personen auf der Warteliste bzw. in derselben Priorisierungsgruppe verabreicht.“ Das wäre im Fall von Universitätsmitarbeitern wie gesagt Prioritätsgruppe 3, also neben dem Bildungspersonal in Kindergärten und Schulen Menschen im Alter von 70-74, Menschen in prekären/engen Lebensverhältnissen oder Personal in Sozialberufen.

Wie man es dreht und wendet: Wenn jemand einfach den Termin nicht bekommen oder wahrgenommen hätte, wäre die Dosis nicht verfallen, es hätte sie wer anderer bekommen. Und im Moment ist ja anscheinend der Impfstoff knapp, nicht das Impfpersonal (das könnte später relevant werden). Irgendwas passt hier nicht zusammen, nachvollziehbare Erklärung habe ich dafür keine gefunden. Falls es eine gibt, bitte sagen.

[Update, 19. März: Die Stadt Wien bekommt aktuell anscheinend wesentlich weniger Impfstoff geliefert als zugesagt. Dadurch entsteht ein Engpass. Die Stadt Wien hatte zuvor betont, „ja nicht zu stornieren“, „was sind schon 5000 Impfdosen mehr“ soll Gesundheitsstadtrat Hacker im Zusammenhang mit den Impfungen für Universitätsangehörige noch gesagt haben (siehe Mitteilung des Betriebsrats der Uni Wien). Nun, jetzt könnte man die ganz gut brauchen.]

Summa summarum ein Beispiel von vielen, das die Hürden beim Versuch, es allen rechtzumachen, doch gar eindringlich aufzeigt. Ebenso wie die Zweifel, ob der gegenwärtige Plan wirklich eingehalten wird – und wenn ja, wie sehr.

Oft will man einen (Kommunikations-)Fehler wiedergutmachen und begeht damit einen größeren. Die Außenwirkung rund um die Vorreihung der Universitätsmitarbeiter hinterlässt schließlich einen fahlen Beigeschmack: Junge Menschen ohne Vorerkrankungen und ohne zwingendem direktem beruflichen Kontakt mit vielen anderen kamen vor stärker gefährdeten Gruppen dran. Für die Moral in der Bevölkerung ist das gewiss nicht hilfreich. In Zeiten des Mangels – soviel weiß man aus dem Realsozialismus oder auch aus Kriegen – setzt eine „rette (vulgo impfe) sich wer kann“-Stimmung ein. Wenn man schon irgendeine Möglichkeit, ein Schlupfloch findet, muss man es ausnützen. Wer weiß, wann man die Gelegenheit dazu bekommt. Wer ehrlich bleibt, bleibt auf der Strecke. Sofern das Überhand nimmt (falls es das noch nicht getan hat), wird es bedenklich.

Womit der der Blick nach innen bleibt: Check your privilege. Also die Frage, wie es anderen geht, ob besser oder schlechter. Wir sind ja recht kreativ darin, unsere Handlungen zu rechtfertigen. Andere machen es ja auch bzw. würden es auch machen. Vielleicht hat man eine Oma, die man als geimpfte Person leichter besuchen und auch versorgen kann. Vielleicht ist es in Zeiten staatlicher/städtischer Überforderung fast unausweichlich, dass Menschen primär auf sich und ihre nächsten schauen.

Und das ist der Punkt, an dem man die anderen eben auch sehen muss: Es gibt in Österreich wohl kaum eine Gruppe, die nicht das kollektive Gefühl hat, im letzten Jahr ungebührlich benachteiligt worden zu sein. Nur ist das auch nicht die wesentliche Frage: Es geht ja weniger darum, ob man Nachteile und Einschränkungen erfahren hat, sondern welche und ob sie nachvollziehbar waren. Und auch darum, ob es andere gibt, die noch stärker eingeschränkt wurden.

Was bleibt, ist der Ausblick: Ein letzter Appell an die Geduld. Manche können nunmal noch eher warten als andere. Auch wenn es mittlerweile recht anstrengend wird.

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