Der Lugner-Effekt

Richard Lugner, Baumeister der Nation, tritt also zur Bundespräsidentschaftswahl an. Die Häme hat ja bereits vor längerem eingesetzt und wird nun wohl weiter zunehmen – die heutige Pressekonferenz mitsamt den dazugehörigen Tweets war ein erster Vorgeschmack. Der Bundespräsident, das ist in Österreich schließlich ein (nahezu ausschließlich) repräsentatives Amt, eine Art Ersatz-Kaiser – freilich ohne dessen weitreichenden realpolitischen und juristischen Kompetenzen. Fix ist dennoch: Damit kommt mehr Bewegung in die Sache.
Richartd Lugner weist freilich Parallelen zu Frank Stronach oder gar Donald Trump auf. Erfolgreiche Unternehmer im fortgeschrittenen Alter (erstere beide bereits jenseits der 80), die eigenwillig denken und viel Angriffsfläche bieten. Man riecht förmlich, wie lustige und halblustige Journalisten, Komödianten und wer auch immer sich auf deren Kosten gerne amüsiert, nach peinlichen Auftritten gieren. Dazu kommt ihr Faible fürs weibliche Geschlecht, das sie in einer Weise öffentlich inszenieren, die geschlechtersensibilisierten Menschen als Relikt aus Zeiten erscheint, die man überwunden sehen möchte.
Man kann an diesen Männern jedoch ungeachtet der zahlreichen berechtigten und teilweise auch überzogenen Kritikpunkte auch etwas anderes sehen. Immerhin sind sie authentisch. Sie scheinen auf Coaching großteils, wenn nicht zur Gänze, zu verzichten. Vielmehr reden sie einfach „wie ihnen der Mund gewachsen ist“, also ohne Rücksicht auf Verluste, Shitstorm und dergleichen. Was freilich insbesondere im Falle Trumps hochproblematisch ist, da er wesentlich mehr Erfolg und Reichweite als seine österreichischen Pendants hat und seine ungleich radikaleren Aussagen im Zusammenhang mit der wesentlich bedeutsameren US-Präsidentschaftswahl tätigt.
Aber dieser Zugang hat zumindest irgendwo auch etwas Erfrischendes. Keine leeren Worthülsen, kein langes Zuwarten, um ja nichts Falsches zu sagen, keine Versuche, Dinge zu sagen, von denen man glaubt, dass sie im Moment gut ankommen. Kurzum: All das, was an der modernen Politik bisweilen anstrengend ist oder gar nervt. Auch Armin Wolf verdankt seinen Erfolg dem simplen Faktum, dass er standardisierte Ausweich-Antworten oft genug einfach nicht zulässt, sondern nachhakt. Schließlich hat man insbesondere bei den „Elefantenrunden“ und anderen TV-Großauftritten nicht mehr das Gefühl, einen ganz normalen Menschen vor sich zu haben, sondern das aalglatte Endprodukt zahlreicher Briefings und Rhetorikschulen. Wo Österreich freilich noch nicht so weit ist wie die USA. Hier gibt es letzten Endes doch noch Politiker, die – mag man von ihnen halten, was man will – „kernig“ bis „urig“ wirken („man bringe den Spritzwein!“). Langfristig wird es jedoch wohl zu einer weiteren Zunahme des Coaching-Wahns und der dazugehörigen Entfremdung der Person des Berufspolitikers kommen.
Hier liegt der zweite durchaus positive Aspekt an diesen alten Männern. Sie sind „Quereinsteiger“, die sich ihre Sporen fernab der Politik verdient haben. Denen das soziale Feld der Politik fremd ist. Auch deshalb wirken sie ungeachtet ihres Wohlstands bisweilen wesentlich volksnäher – was sie ja auch gerne betonen – als die Damen und Herren aus den Reihen der Spitzenpolitik, die oftmals wenig bis keine Erfahrungen in der „Privatwirtschaft“ gesammelt haben. Das Durchlaufen der parteilichen Tretmühle führt unweigerlich auch dazu, dass man in einer eigenen Welt – man kann es eine „Politikerbubble“ nennen – lebt. Viele dürften im Alltag wenig bis gar nichts mit 0815-Bürgern, insbesondere der „Unterschicht“ zu tun haben (zumindest wirkt es so). Hier liegt ein wesentlicher Unterschied: Auch wenn ich Richard Lugner nicht persönlich kenne – wenn ich mit ihm plaudern will, brauche ich nur ab und an in die Lugnercity zu gehen. Für ein Plauscher’l ist er angeblich immer zu haben.

Politainment, diesmal in grün. Oder: Von Maria Vassilakou zu Henry Kissinger

Die Wiener Grünen plakatieren derzeit ein äußerst großes Plakat an prominenter Stelle neben Wiener Naschmarkt und APA. Darauf abgeildet die Wiener Vizebürgermeisterin, an die Wand geklebt und mehr oder minder bewegungsunfähig, verbunden mit einigen Zitaten: „Ich soll den Häupl Michi nicht immer so ärgern“, „Ich soll die Pappn halten, wenn der Michi spricht“ und „Ich soll dem Häupl Michi nicht immer die Mahü unter die Nase reiben“.
Jetzt könnte man dazu allerhand sagen beziehungsweise wurde dazu auch schon viel gesagt (man lese nur die Kommentare auf der Facebook-Präsenz der Wiener Grünen, Popcorn bereithalten). Unweigerlich muss man unter anderem auch an den Begriff des Politainment, also die Verknüpfung von Politik mit Entertainment, denken. Um nichts anderes handelt es sich bei personenbezogener Politik dieser Art freilich, eine Entwicklung, die insbesondere in den USA mit der Verbreitung des Fernsehers eingesetzt (so gab es beispielsweise seit Dwight Eisenhower keinen US-Präsidenten mit haarausfallbedingter Glatze) und durch das Internet und social media eine neue Dimension erreicht hat. So werden Politiker auch in den hiesigen Medien immer weniger anhand inhaltlicher Fragen beurteilt als in Bezug auf ihre Persönlichkeit. Was zählt, sind entfernt mit Politik zusammenhängende Handlungen, rhetorische Kniffe, allgemeines Auftreten bis hin zur Kleidung. Und natürlich die Reaktionen und Streitereien mit anderen Parteien. Passend dazu auch die Schlagzeile im aktuellen Heute, die daraus sogleich ein kleines Polit-Drama macht.

So, was hat das alles nun mit Henry Kissinger zu tun? Nicht viel. Außer, dass er sich in seinem letzten Buch (World Order) zum Ursprung von Politainment äußert, den in einen größeren weltpolitischen Kontext stellt: So sind Politiker in einer immer komplexer werdenden Welt mit den von ihnen abgesegneten Regulierungsmaßnahmen überfordert. Das Abstellen auf Charisma anstelle von inhaltlicher Ausrichtung ist somit eine Möglichkeit, davon abzulenken, indem man die Schwerpunkte politischer Arbeit anders setzt:

„A combination of chronic insecurity and insistent self-assertion threatens both leaders and the public in the Internet age. Leaders, because they are less and less the originators of their programs, seek to dominate by willpower or charisma. The general public’s access to the intantibles of the public debate is ever more constrained. Major pieces of legislation in the United States, Europa, and elsewhere often contain thousands of pages of text whose precise meaning is elusive even to those legislators who voted for them.“

Wo diese Entwicklung endet, bleibt freilich offen. Ein Schreckensszenario bietet der Film „Idiocracy“; bleibt die Hoffnung, dass politische „Duelle“ in Zukunft nicht in Form von körperlichen Schaukämpfen im Stile von „American Gladiators“ stattfinden.