#allesdichtmachen: Das große Sudern

Ein Jahr kollektives Mimimi, jammern wir doch allesamt über die Coronavirus-Pandemie: Schauspieler, Schriftsteller, Juristen (erkläre mich hiermit schuldig im Sinne der Anklage) sind über Nacht zu Experten für eh alles (Zitat Günther Paal/Gunkl) geworden und verbreiten seither ihre oft mäßig ausgefeilten Thesen. Ein Feuerwerk der Biases und Selbstüberschätzung, zu dem sich jetzt auch noch der billige Zynismus – Anlassfall #allesdichtmachen – mischt.

Es ist wirklich schon alles gesagt und ausnahmsweise sogar schon von jedem. „Unsere“ Generation, „unsere“ Zeit hat das erste genuin-universalkollektive Erlebnis seit, nun, dem Ende des Zweiten Weltkriegs? Eventuell dem Mauerfall beziehungsweise dem Ende des Kalten Krieges, aber da darf man sich fragen, wie viele Menschen im globalen Süden, also den ärmeren Regionen dieser Welt, das tatsächlich berührt hat. Ich weiß es nicht, ich habe nur diese eine – eurozentristische – Brille, daher bleibt es hier bei der Mutmaßung.

Aber zurück zum Thema. Da haben gerade einige Schauspieler in unterschiedlicher Intensität von sich reden gemacht. Was ja zu deren Berufsbild gehört, attention or perish gewissermaßen. Wenn Filmstars in Aufmerksamkeitsruhestand gehen und man erst bei deren Ableben wieder von ihnen hört, kommt ja oft die Verwunderung, dass sie überhaupt noch am Leben waren. Um das zu verhindern, nimmt man schon mal die russische Staatsbürgerschaft an, heiratet einen anderen Star, um sich kurz darauf spektakulär scheiden zu lassen (wovon beide zwei Mal profitieren!), trägt ein gewagtes, ja richtig gewagtes Kleid, nicht so wie die anderen Kleider, die mal gewagt waren – und was es sonst nicht alles gibt, um die immergleichen Klatschsehnsüchte zu befriedigen.

Mit der Coronavirus-Pandemie ist das freilich schwierig geworden. Der Red Carpet wurde gegen die Couch eingetauscht, Filmverleihungen gibt es jetzt via Zoom und Co. Anfangs, als alle kurz Angst hatten, also echte Angst, war es ja kurz en vogue, die eigene Couch ins digitale Wohnzimmer zu stellen. Seht her, wie normal wir sind, bleibt daheim, ich kann es auch. Den #checkyourprivilege-Vogel hat damals ja Arnold Schwarzenegger abgeschossen, als er uns vom Whirlpool aus erklärt hat, dass er „at home“ bleibt und alle anderen das auch tun sollten.

Soweit, so gut. Dass sich das leicht sagen lässt, wenn man auf dem eigenen Grundstück mit dem CO2-neutralen Hummer herumkurven kann, ist offensichtlich und wurde auch – ob als Antwort auf Arnie gemeint oder nicht, keine Ahnung – in einem der #allesdichtmachen-Videos kritisiert.

Was ja zeigt, dass diese Videos nicht alle gleich sind. Eine prangert privilegienblinde Mitmenschen an, die andere auffordern, daheim zu bleiben. Ein anderer die angeblich gleichgeschalteten Panikmacher-Medien – um dabei geflissentlich zu ignorieren, dass die Bild-Zeitung, jetzt nicht gerade eine Schülerzeitung, stets gegen die Maßnahmen und insbesondere ad hominem gegen Christian Drosten getrommelt hat –, die den richtigen Experten nicht genug Raum geben (ich nehme mal an, es geht um primär den guten alten Ioannidis, dessen „da gibt es doch diese Studie“-Studie ganz gut „zerlegt“ wurde, wenn ich das so sagen darf). Wieder ein anderer erklärt uns, dass man ja auf sich selbst aufpassen könne und solle und der Staat sich raushalten solle. Und eine andere macht sich einfach nur zynisch über Inzidenzwerte lustig. Dazu passt es, dass der Initiator der Aktion in der Vergangenheit von „Panikmache“ und „Coronanazis“ sprach. Das spricht vielen aus der Seele, „endlich sagt’s mal einer!“, und dann auch noch ein Star! Abwägende Expertise, nüchterner (Wissenschafts-)Journalismus, sachliche oder gar (Gott bewahre!) konstruktive Vorschläge haben da nur wenig Chance.

Kritik, jo eh

Was auf #allesdichtmachen folgte, war ein mediales Schauspiel, das die alten Reflexe bediente wie die oben genannten Klatschnews. Der Applaus von der falschen, also der weit rechten Seite hat manche dazu veranlasst, sich irgendwie zu distanzieren, manche nicht („das wird man ja wohl noch sagen dürfen“). Umgekehrt gab es sogar Aufrufe, keine öffentlich-rechtlichen Filme mit ihnen zu drehen. Manch Angehörige des Berufsstands Gesundheitspersonal haben ihrerseits Videos gedreht, in denen sie wiederum die Schauspieler parodiert haben. Der Unterschied, für mich als Schauspielerei-Laien jedenfalls, war allenfalls minimal. Zynisch sudern und dabei auf die richtige Betonung und Atemtechnik achten ist für Menschen, die seit einem Jahr beruflich stundenlang Masken tragen und ständig Menschen sehen, wohl nicht allzu schwer.Und sicher noch viel mehr, man verliert den Überblick, wenn man ihn gar nicht erst behalten will, doch recht schnell. Es ist auch gar nicht so wichtig, bis der nächste Tatort gedreht wird, erinnert sich eh kaum noch wer. Und auch sonst trennen wie die (Schauspiel-)Kunst doch eh so gerne vom Künstler.

Soweit, so schlecht. Was ich persönlich an der konzertierten Schauspiel-Aktion aber so schade fand: Dass Unoriginelle. Kritisieren kann jeder, sudern auch, gerade als Wiener erlaube ich mir diese Kritik an der Kritik dann doch. Allein, das Unoriginelle bekommt dennoch Reichweite, wenn es von den Richtigen, also von Menschen mit Reichweite kommt. Der digitale Matthäus-Effekt. Medien lieben eben die Empörung, sie verschafft die Clicks, die die Welt bedeuten. Aufmerksamkeit wird da schnell zum Selbstzweck: Bis heute weiß niemand, was #allesdichtmachen überhaupt bewirken wollte. Dass wir alle das neuartige Coronavirus nicht so toll finden, wussten wir jedenfalls schon vorher.

Deswegen ist es schade drum. Es ginge ja auch anders. Zynismus und Kritik sind, wie gesagt, leicht, das machen wir seit einem Jahr. Das Anerkennen des eigenen Wissens fällt vielen schwer. Stattdessen wird Expertise mit Meinung kompensiert. Vielleicht sollte man auch manchmal einfach #nichtmachen, sich nicht zu allem äußern und wenn, dann wenigstens mit Behutsamkeit.

Konstruktive Vorschläge von Seiten der Schauspielerriege, der gezielte Einsatz der eigenen Bekanntheit für eine offene Debatte, wie wir aus der Krise kommen und welche Prioritäten wir setzen, das wäre schon toll gewesen. Man wird noch träumen dürfen: Was wäre gewesen, wenn ein Roland Düringer öffentlich Werbung für den vielgeschmähten Astra Zeneca-Impfstoff gemacht hätte, der für Männer in seinem Alter unbedenklich ist, wohl nicht einmal zu Nebenwirkungen führt? Eine Nina Proll sich für Luftfilter an Schulen stark gemacht hätte? Eine Heike Makatsch das viel zu lange ignorierte Thema Impfungen für Schwangere in den Fokus gerückt hätte?

Freilich, die Welt hätte es auch nicht gerettet. Und gewiss weniger Clicks gebracht. Aber wenigstens mal was anderes. Weil zynisch, das kann jeder.

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