Libanesische Reise #2: Beirut

Beirut. Wo fängt man an? Das klassische Narrativ beginnt beim Bürgerkrieg. Wer über eine Stadt in einem Land schreibt, das 15 Jahre im Bürgerkrieg versunken ist, kann es sich mit dem Beginn leicht machen.

Irgendwas mit Bürgerkrieg, irgendwas dazu, dass das Land, die Stadt, die Einwohner noch immer mit den Folgen zu kämpfen haben, mit ethnischen und religiösen Konflikten, mit Wunden, die verheilen müssen, mit der Angst, er könnte wieder ausbrechen. Ein Einstieg von der Stange, keine Maßanfertigung notwendig.

Zwei Hotels, zwei Geschichten

Man kann aber auch mit einem verlassenen Hotel beginnen, wie es unser Guide bei einer nicht ganz typischen „free walking tour“ gemacht hat (unbedingte Empfehlung: die „Layers of a Ghost City“-Tour): Dem „Saint Georges“-Hotel, auf dem ein großer Banner hängt, auf dem „Stop Solidere“ steht. Was die Frage aufwirft, was hinter „Solidere“ steht – ein Konsortium rund um den im Februar 2005 bei einem Anschlag getöteten Premierminister Rafic Hariri, das die Stadt nach dem Krieg neu aufgebaut hat.

das St Georges Hotel in Beirut wurde zum Zeitpunkt des Anschlags auf Rafic Hariri umgebaut; seitdem ist es wegen einem Rechtsstreit mit Solidere rund um den Zugang zum Meer nicht neu eröffnet worden

Im Esprit der 1990er, also momumentale Bauten, hohe Bauten, moderne Bauten. Architektonische Machtausübung. Auch Herzog & de Meuron, Norman Foster und Zaha Hadid sind hier verewigt. Jeder Stadt die oft selben Stararchitekten.

In Beirut sind ihre Gebäude leer. Weil die Büros unvermietet oder die Wohnungen unverkauft geblieben sind; oder die Leute, denen sie gehören, sie nur unregelmäßig nutzen. Die Schweiz des Nahen Ostens soll Libanon einmal gewesen sein. Nur dass man dort nicht wohnt, sondern Urlaub macht. Wochenendtrips, weil hier mehr Freiheit gilt als in der Heimat, die den Wohlstand bringt.

Doch der Krieg

Der Tourguide spricht nun doch vom Bürgerkrieg. Von den unterschiedlichen Erklärungsversuchen. Der marxistische Ansatz wird es auf die Ungleichheit schieben, die Beirut immer noch prägt. Gleich neben dem fancy restaurant bettelt eine Mutter mit ihrem auf der Straße liegenden Baby (genau genommen einem Papkarton, der auf der Straße liegt). Durchaus plausibel. Aber Ungleichheit gab es lange davor und heute auch. Ungleichheit ist viel, aber nicht alles.

Von Ungleichheit zur Religion

Vielleicht lag es auch daran, dass die maronitische Minderheit über die muslimische Mehrheit geherrscht hat. Mehrheiten mögen Fremdherrschaft nicht, egal, ob es Kolonial- oder „eigene“ Herren sind. Erst in Syrien und Libyen hat man im Zuge der Anerkennungspraxis gemerkt, dass Selbstbestimmung mittlerweile mehr nur die Abwesenheit von Kolonialismus meint, sondern aktive Partizipation. Passives und aktives Wahlrecht also. Wenn sich die politische Elite vom Volk entfremdet, ist es dem Volk egal, wenn sie denselben Pass hat. Im Libanon lebt der Premierminister in einem Stadtteil, der hermetisch abgeriegelt wurde. Sinnbildlich und zugleich verständlich. Hariri ist nur der bekannteste Politiker, der einem Anschlag zum Opfer gefallen ist.

Zankapfel PLO

Wieder andere verweisen auf die Gretchenfrage der 1970er: wie mit der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO umgehen, die sich im Libanon niedergelassen hat, zumal sie aus Jordanien verbannt wurde? Das Land war gespalten, der Präsident war gegen ihre Anwesenheit, der damalige Premierminister dafür. Definiere Pattsituation.

Irgendwo stimmen alle drei Erklärungsmuster, irgendwo keines. Krieg beginnt, wenn man davor Angst hat, dass eine andere Gruppe ihn beginnen könnte. Hobbes Mensch ist dem Mensch ein Wolf, Angst vor Angst vor Angst.

Hotel, oh well, Holiday Inn

Der Krieg bringt uns zum zweiten verlassenen Hotel: Dem Holiday Inn, Beiruts zweites großes Mahnmal, wenn auch aus einem anderen Grund – niemand scheint so recht zu wissen, was man damit tun soll. Das Hotel wurde kurz nach Inbetriebnahme zu einem Kriegsschauplatz. Es liegt zentral und hat viele Stockwerke, mehr braucht es nicht. Im Kriegsrecht spricht man hier von einem „dual use“-Objekt, also ein Gebäude, das sowohl zivilen als auch militärischen Zwecken dient. Ob und wann es angegriffen werden darf, ist eine Frage der Umstände. Man ahnt es, der Jurist hat nur sein „das kommt drauf an“ zu bieten.

Heute steht das verlassene Hotel als Mahnmal inmitten neu aufgebauter Hochhäuser, bei denen der unbedarfte Besucher – ich – sich fragt, ob und von wem sie benutzt werden. Alles wirkt einen Tick zu groß, einen Tick zu hoch. Erst bauen, dann schauen.

Doppeltes Kriegsende

Im Libanon ist die Zeit nach dem Bürgerkrieg mit der Zeit nach dem Kalten Krieg zusammengefallen. Doppelter Anlass für Euphorie. Da baut man schon mal ein Hochhaus. Auch, wenn dazu massenhaft enteignet wird. Weil nach dem Krieg nicht klar war, wem was (noch) gehört. Also mussten die Voreigentümer weichen, in der Theorie konnten sie sich wehren, indem sie beweisen, dass das Gebäude ihnen gehört. Aber beweisen Sie das mal. Abgesehen davon musste man dazu imstande sein, das Gebäude so zu renovieren, wie es der große Plan vorsah – und das will auch erstmal gekonnt sein. Der Libanon wollte damals aufholen, den Krieg hinter sich lassen, auf der eigenen und der internationalen Zukunftseuphorie-Welle reiten.

Aus alt mach neu

Wie so oft in Ländern, die nicht ganz arm aber auch nicht wohlhaben sind, zeigen die Locals dem authentizitätshungrigen West-Touristen, der gerne „shabby chic“ geboten bekommen möchte, zu dessen Enttäuschung stolz die besten Viertel, die größten Häuser, die modernsten Bars, die seelenlose shopping mall, die überall auf der Welt stehen könnte und dennoch „souk“ heißt, obwohl es damit nur den Grundriss gemein hat (siehe unten rechts). Nebenbei hat man die Ausgrabungen unter der Shopping Mall verbannt, Zugang gibt es keinen, weil man keine Security abstellen wollte (siehe unten links und Mitte, in guter Hoffnung, dass mir das Smartphone nicht aus der Hand fällt, durch das Gitter fotografiert). Nur alte Steine quasi.

Das alte Beirut ist meanwhile nur noch rudimentär vorhanden. Gute 87% der Gebäude aus der „goldenen Ära“ Beiruts sollen abgerissen worden sein. Das „St George“-Hotel wir damit zum unfreiwilligen Symbol für eine Zeit, die mit den Baggern zu Tode gegraben wurde. Es waren viele schöne Gebäude dabei, die man gerne nicht nur auf Bildern gesehen hätte.

Angst vor Raum

Guter Platz ist teurer. Und rar. Viele öffentliche Plätze gibt es hier nicht. Die, die es gibt, sind steril und getöteten Politikern gewidmet. Ungewollte kleine Flecke, nichts lädt zum Verweilen ein. Ruhe, weil kaum jemand hier sitzen zu wollen scheint. Aber vielleicht denkt sich das auch nur der unbedarfte Besucher, was weiß er schon von dieser Stadt.

Der potentiell größte Platz – der Platz der Märtyrer – ist ein großer Parkplatz in Bestlage.

Unser Tourguide meint, es gäbe eine weit verbreitete Erklärung, die plausibel klingt: Die Regierung will keine öffentlichen Plätze, weil sie für Proteste genutzt werden könnten. Behavioral architecture könnte man das nennen. Was wir in Wien von Parkbänken kennen, die so konzipiert sind, dass niemand – gemeint sind Obdachlose – dort schlafen kann, hätte hier durch die Machttechniken einer verunsicherten Regierung eine neue Stufe erlangt. Aber, nochmals, was weiß der Besucher schon. Vor dem kleinen Parlament (siehe unten, Mitte) gab es jedenfalls vor gar nicht allzu langer Zeit massive Proteste, weil der überteuerte Vertrag mit der privatisierten (an „gute Freunde“ der Regierung versteht sich) Müllabfuhr ausgelaufen ist – „greetings from trash mountain“ titelte Foreign Policy damals. Jetzt ist der Zugang für größere Gruppen gesperrt. Indizien.

History repeating?

Vielleicht, und das ist die Conclusio des Tourguides, werden die Menschen eines Tages die jetzige halbmegalomanisch-anmutende Downtown als ihr kulturelles Erbe sehen. Vielleicht wird eine spätere Generation sie als „ihr Beirut“ wahrnehmen und sich gegen den Gedanken eines Abrisses und Neubaus wehren. Als Frankreichs Mandatszeit begann, wurden osmanische Gebäude abgerissen und durch französische ersetzt – just jene, die Anfang der 1990erjahre endgültig weichen mussten. Jene, die der Bevölkerung als Symbol der Fremdherrschaft einmal ein Dorn im Auge wahren. Ob die Geschichte sich wiederholt? Ich glaube nicht. Dazu ist Beiruts neue downtown dann doch zu banal. Aber was weiß der unbedarfte Besucher schon.

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