Anschlag in Wien: Terrorismus und wir

Ein paar unsortierte Gedanken zu gestern. Von Medienethik und persönlicher Verantwortung während Terroranschlägen, aber auch der Frage, wieso man Dschihadisten nicht ausreisen oder einfach so ausbürgern darf.

1.) Einige Medien und Journalisten – ihr wisst, welche – haben gestern gegen zahlreiche Grundsätze der Medienethik verstoßen, indem sie ungeprüft Gerüchte oder Mutmaßungen über den/die Täter verbreitet oder Videos von einem Mord oder den Schüssen auf einen Polizisten online gestellt haben. Auch mutmaßliche Namen des Attentäters sind zirkuliert. Wir alle haben zusätzlich Videos und Gerüchte verbreitet. Dazu folgendes:

1.a.) Mittlerweile ist es eigentlich Konsens, den Attentätern selbst keine allzu große zu Bühne zu geben, zumal das Nachahmungstäter inspirieren kann.

1.b.) Medien, aber in Zeiten von Web 2.0 – von Twitter über WhatsApp – auch wir spielen bei Terrorismus eine entscheidende Rolle: Brutale Bilder sollen dazu führen, den Schrecken zu verbreiten. Hier braucht es Behutsamkeit. Das heißt nicht, dass man verschweigen soll. Aber umgekehrt auch nicht der Sensationslust freies Geleit geben. Man muss sich bewusst sein, dass man Teil der Strategie von Terrorismus ist. Wir machen da alle Fehler, ich nehme mich da keineswegs aus.

1.c.) Das Teilen von Live-Aufnahmen während eines Anschlags gefährdet die involvierten Polizisten. Das sollten wir eigentlich schon seit den TV-Bildern vom Anschlag in München 1974 wissen.

1.d.) Auch Gerüchte aus ach so gut informierten Quellen erschweren die Arbeit in so einer Ausnahmesituation. Weil die Polizei allem nachgehen muss und es zusätzlich Panik schürt. Ihr habt keine Insiderinfos gehabt. Den angeblichen Freund der Freundin bei der WEGA, Cobra oder Jagdkommando gibt es nicht. Im Journalismus gilt es, Informationen mehrfach zu prüfen. Ein Grundsatz, der aufgrund der neuen Kommunikationsformen für uns alle gilt.

2.) Anscheinend war der Täter amtsbekannt, wollte sich in der Vergangenheit dem IS anschließen. Jetzt fragen viele, wieso man solche Menschen nicht einfach in den Tod reisen lässt. Emotional nach einem Abend wie gestern verständlich. Rechtlich spricht dagegen, dass ein solches (versuchtes) Anschließen an eine terroristische Gruppe bereits unter das Strafrecht fällt und von Österreich entsprechend zu verfolgen ist (siehe hier und hier). Darüber hinaus besteht eine völkerrechtliche Verpflichtung, Dschihadisten nicht ausreisen zu lassen (siehe etwa Sicherheitsrats-Resolution 2178 aus dem Jahr 2014). Zu guter letzt ist Österreich aufgrund als Vertragspartei bei den einschlägigen Übereinkommen dazu verpflichtet, niemanden dann auszubürgern, wenn er/sie dadurch staatenlos wird – auch Terroristen nicht. Wer das ändern will, müsste aus den Verträgen austreten und mit entsprechenden Vorbehalten wieder eintreten (die Diskussion gab es anno 2014, siehe hier, hier und hier).

3.) Es gibt „den Terrorismus“ nicht, sondern unterschiedliche Erscheinungsformen. Das betrifft die unterschiedlichen (völker)rechtlichen Definitionen ebenso wie die dahinterstehende Motivation (dazu habe ich hier geschrieben). Wenn es nach der Zahl der Anschläge geht, ist nicht der islamistische, sondern der „ethno-nationalistische“ (IRA im Nordirlandkonflikt zB) der häufigste. Allerdings ist dschihadistisch-motivierter Terrorismus der blutigste, weil er direkt auf die Zivilbevölkerung abzielt: 2019 gingen in Europa alle Toten und alle bis auf einen Verletzten auf sein Konto (siehe hier).

Soviel dazu. Jeder verarbeitet anders. Ich, indem ich mir meine Gedanken aus der Seele schreibe und versuche, einzuordnen. Vielleicht hilft das ja auch anderen.

Ein Gedanke zu “Anschlag in Wien: Terrorismus und wir

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